Meine 3 wichtigsten Werte: Feinfühligkeit, Verstehen und Selbstbestimmung
Welche drei Werte sind dir wirklich wichtig?
Diese Frage wurde mir in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen schon oft gestellt, und ich habe mich unzählige Male durch sogenannte Wertelisten gewühlt. Freiheit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Verantwortung, Wissen, Empathie. Alles richtig und alles auch irgendwie zutreffend. Am Ende waren es jedoch meist nur Wörter, die sich gut anhörten und durchaus etwas mit mir zu tun hatten, die mich aber nie wirklich ansprachen und die ich genauso schnell wieder vergaß, wie ich sie aufgeschrieben hatte.
Nun tauchte die Frage nach den Werten in Judith Peters' Blog-Community wieder auf und ich habe mich ihr erneut gestellt, diesmal allerdings völlig anders als sonst. Statt zu einer Liste zu greifen, habe ich mich selbst beobachtet. Ich habe meinen Weg zur Aromatherapeutin, Tierheilpraktikerin und Ayurveda-Tiertherapeutin Revue passieren lassen, habe mich während der Arbeit und im Umgang mit den Tieren und ihren Besitzern beobachtet und mich in meine Kindheit und Jugend eingefühlt. Dabei kamen mir Begriffe in den Sinn, bei denen ich mir nicht einmal sicher war, ob es sie als Werte überhaupt gibt. Das musste ich dann erst einmal googeln. 😉
Und irgendwann wurde mir klar, dass ich diese Werte gar nicht allein auf meine Arbeit beziehen kann. Ich möchte es auch nicht, denn sie betreffen meine ganze Persönlichkeit. Die Werte, die heute meine Arbeit prägen, waren nämlich schon lange vorher da. Ich habe sie früher nur nicht so genannt, sondern habe mich von ihnen leiten lassen, ohne sie überhaupt als Werte wahrzunehmen. Sie haben mit meiner Art zu denken und wahrzunehmen zu tun, mit meinem früheren Beruf als Kinderkrankenschwester, mit meiner Entscheidung, beruflich noch einmal ganz von vorne anzufangen und natürlich auch damit, warum ausgerechnet Ayurveda zu einem so wichtigen Teil meiner Arbeit geworden ist.
Herausgekommen sind drei Werte, mit denen ich mich zum ersten Mal wirklich identifizieren kann: Feinfühligkeit, Verstehen und Selbstbestimmung.
Dieser Blogartikel ist daher sehr persönlich. Denn er erzählt auch davon, welchen Preis diese so wohlklingenden Werte haben, warum mich Fragen wie „Hast du mal eben einen Tipp?" total stressen und warum ich einen Beruf aufgegeben habe, den ich eigentlich sehr geliebt habe.
Feinfühligkeit: „Jetzt fühlst du den Ayurveda“
Diesen wunderschönen Satz meiner Ayurveda-Lehrerin Theresa Rosenberg trage ich bis heute in mir:
„Juchhuuu, jetzt fühlst du den Ayurveda.“
Ich habe mich damals riesig darüber gefreut, denn bis dahin hatte ich vor allem eines getan: viel gelernt ☺️. Ich wusste, welche Eigenschaften Vata, Pitta und Kapha zugeschrieben werden, und hatte mich ausführlich mit den Konstitutionen, mit dem Verdauungsfeuer Agni, den Geweben und der Entstehung von Dysbalancen beschäftigt. All das ist wichtig, denn ohne dieses Wissen geht es natürlich nicht.
Was Feinfühligkeit in meiner Arbeit bedeutet
Aber irgendwann begann sich langsam etwas zu verändern. Ich musste nicht mehr nur versuchen, ein Tier anhand einzelner Merkmale in ein System einzuordnen, sondern begann, das Gesamtbild zu sehen und auch zu fühlen. Manchmal sind es dabei gerade die kleinen Dinge, die meine Aufmerksamkeit bekommen: eine Veränderung im Verhalten, die Art, wie ein Hund auf eine bestimmte Situation reagiert, eine scheinbar nebensächliche Bemerkung im Erstgespräch oder etwas in der Vorgeschichte, das zunächst gar nicht zu den anderen Puzzleteilen passen will. Auch der Satz „Ich weiß nicht, ob das wichtig ist, aber …" lässt mich immer aufhorchen. Denn meist ist eben genau das, wichtig genug, um erwähnt zu werden.
Feinfühligkeit bedeutet für mich dabei nicht, dass ich ein Tier anschaue und sofort weiß, was ihm fehlt, auch wenn ich manchmal schon sehr früh eine Idee davon habe, in welche Richtung es gehen könnte. Für mich ersetzt eine solche Wahrnehmung weder eine vernünftige Diagnostik, noch fachliches Wissen, sie ist für mich eher ein Hinweis, genauer hinzusehen, hinzuhören und hinzufühlen. Ich muss nicht alles sofort einordnen und auch nicht jede Beobachtung gleich zu einem Symptom erklären, möchte aber ebenso wenig etwas vorschnell beiseiteschieben, nur weil es im Moment noch nicht ins Bild passt.
Mein eigener Körper ist mir dabei eine große Hilfe. Wird es in mir weit oder eng, fühlt sich etwas leicht und stimmig an, oder merke ich plötzlich Widerstand und Anspannung? Ich betrachte diese Reaktionen nicht als Beweis dafür, dass meine Einschätzung richtig sein muss, aber ich nehme sie ernst und gehe ihnen nach. Meist gibt es einen Grund dafür, dass etwas um meine Aufmerksamkeit buhlt 😉.
Empathie und Wohlwollen gehören für mich dazu
Zur Feinfühligkeit gehören für mich noch zwei weitere Dinge, die mir in meiner Arbeit sehr wichtig sind: Empathie und Wohlwollen. Wohlwollen ist ein Wort, das ich sehr mag, weil es ziemlich genau beschreibt, wie ich Menschen und auch mir selbst begegnen möchte. Viele Tierhalter kommen mit einem schlechten Gewissen zu mir, weil sie das Gefühl haben, etwas übersehen, falsch gemacht oder zu spät erkannt zu haben, und manchmal rechnen sie fast damit, dass ich ihnen genau das bestätigen werde.
Das tue ich nicht.
Chronische Beschwerden haben häufig eine längere Vorgeschichte, oft kommen mehrere Faktoren zusammen, und manches wird überhaupt erst in der Rückschau erkennbar. Die Frage, wer wann etwas hätte anders machen müssen, hilft uns deshalb in den meisten Fällen nicht weiter. Viel wichtiger finde ich die Frage, was wir aus dieser Vorgeschichte heraus verstehen können und was das Tier von diesem Punkt an braucht.
Vielleicht ist genau das gemeint, wenn man irgendwann beginnt, den Ayurveda zu „fühlen". Das Lehrbuch verschwindet dabei nicht, im Gegenteil: Das Wissen ist weiterhin da, wird aber ergänzt durch Erfahrung, Beobachtung und ein Gespür für das Tier, das gerade vor mir steht. Manchmal passt dieses Tier eben nicht sauber in eine Tabelle, und dann muss es das auch nicht. Dann nehmen wir erst einmal das, was sich gerade zeigt. Und manchmal taucht später tatsächlich genau das auf, was ich vorher schon wahrgenommen hatte, was aber hinter Beschwerden oder einem Verhalten verborgen war, die zunächst nicht recht zusammenpassen wollten.
Der Seminarraum, in dem alles anfing
Wie stark diese Wahrnehmung bei mir ist und wie deutlich mein Körper meist mitreagiert, habe ich lange vor meiner Arbeit als Tierheilpraktikerin erlebt, als ich zum ersten Mal den Seminarraum der Aromatherapieschule von Sabrina Herber betrat. Es war ein zweitägiges Basisseminar und damit der Beginn meines Weges in die Naturheilkunde.
Ich weiß noch, wie ich den Raum betrat, ihn auf mich wirken ließ und sofort dieses Gefühl hatte, hier willkommen zu sein, gesehen und wertgeschätzt zu werden. Alles war so liebevoll hergerichtet, ich wurde herzlich begrüßt, und dazu kamen die Düfte, die mich sofort in ihren Bann zogen. Düfte haben mich schon als Kind fasziniert, und irgendwie schien sich mein gesamtes System in diesem Moment daran zu erinnern. Ich fühlte mich sicher, in mir wurde es ruhig und weit, und ich wusste: Hier bin ich genau richtig.
Was mich außerdem angesprochen hat, war die Ästhetik. Selbst die Seminarunterlagen waren mit Sorgfalt gestaltet. Das klingt vielleicht nach einer Nebensächlichkeit, ist es für mich aber überhaupt nicht. Lieblos zusammengeworfene Skripte waren mir schon immer ein Graus, und bei Sabrina habe ich so etwas nie erlebt.
Ich mag es einfach schön.
Und ich glaube, dass Schönheit und Sorgfalt durchaus etwas mit Wertschätzung zu tun haben. Wenn sich jemand Gedanken darüber macht, wie ein Raum gestaltet ist, wie etwas riecht, wie Unterlagen aussehen oder wie ein Mensch empfangen wird, dann nehme ich das wahr.
Vielleicht gebe ich mir deshalb bis heute genauso viel Mühe mit den Dokumenten, die meine Kundinnen und Kunden von mir bekommen. Ein Ernährungsplan darf für mich auch schön aussehen und nicht nur fachlich stimmen. Schließlich hat sich jemand entschieden, mir sein Tier anzuvertrauen, und auch darin darf sich zeigen, dass ich diese Entscheidung wertschätze.
Die Kehrseite: Feinfühligkeit kostet Kraft
Was ich lange nicht so klar benennen konnte, ist allerdings die Kehrseite. Denn Feinfühligkeit ist nicht nur eine wunderbare Fähigkeit, sie kann auch ziemlich anstrengend sein.
Ich spüre die Stimmung in einem Raum meist sehr schnell, viele Menschen auf einmal erschöpfen mich, und Smalltalk macht mich schier wahnsinnig, weil ich mich dabei zu Tode langweile. Ungerechtigkeiten kann ich nur schwer ertragen, dann rebelliert alles in mir.
Das war früher nicht anders. Schon im Kindergarten habe ich mich zurückgezogen, wenn mir alles zu viel wurde, und im Grunde mache ich das bis heute so. Mein Körper war vermutlich schon immer ein ziemlich guter Ratgeber, nur habe ich lange Zeit nicht besonders gut auf ihn gehört, und das ist mir nicht gut bekommen. Erst im vergangenen Jahr hat es mich noch einmal richtig erwischt, und darüber habe ich in “die Entdeckung der Langsamkeit” geschrieben.
Heute weiß ich sehr viel besser, dass meine Energie Grenzen hat und dass es wenig Sinn ergibt, sie ständig zu ignorieren. Große Familienfeiern beispielsweise schaffe ich ungefähr zweieinhalb Stunden ganz gut, danach bin ich meistens durch, und Treffen mit vielen Menschen können so anstrengend für mich sein, dass ich mit Kopfschmerzen nach Hause komme. Auch nach einem Arbeitstag gibt es Abende, an denen schlicht nicht mehr viel geht.
Lange habe ich mich dafür falsch gefühlt, nicht zuletzt, weil ich oft genug als „Sensibelchen" bezeichnet wurde und den Eindruck bekam, ich müsse mich einfach ein bisschen weniger anstellen oder gar einfach mal zusammenreißen. Solche Sprüche finde ich heute, egal in welchem Zusammenhang, ziemlich daneben. Stattdessen versuche ich nicht mehr, gegen diese Seite von mir anzukämpfen, sondern richte meinen Alltag und auch meine Arbeit zunehmend so ein, dass ich auf meine Grenzen und meine Energie achten kann.
Und ich weiß inzwischen auch, was mir hilft, wieder bei mir anzukommen. Dazu gehört ganz besonders die Arbeit mit meinen Händen. Wenn ich einen Hund oder ein Pferd massiere, geschieht etwas, das ich immer wieder faszinierend finde: Während das Tier unter meinen Händen ruhiger wird, sich genüsslich streckt, gähnt oder schmatzt, wird es auch in mir ruhig, oder auch umgekehrt 😉 und meist muss ich tief mit ausatmen. Zwei Nervensysteme, die sich gemeinsam beruhigen.
Auch Yoga ist zu einem festen Teil meines Lebens geworden. Meistens praktiziere ich abends und für mich allein zu Hause, und trotzdem steht es als fester Termin in meinem Kalender. Diese Verabredung mit mir selbst halte ich genauso ein wie jede andere. Dass ausgerechnet Yoga diesen Platz bekommen hat, passt ganz gut, denn Yoga und Ayurveda stammen aus derselben Tradition und werden nicht umsonst als Schwesterwissenschaften bezeichnet. Beide gehen davon aus, dass Körper und Geist nicht getrennt voneinander zu betrachten sind. Beim Yoga erlebe ich genau das: Ich komme auf die Matte und merke ziemlich schnell, wie es mir eigentlich geht, manchmal deutlicher, als mir lieb ist.
Vielleicht sehe ich deshalb heute anders auf das, was mich früher für andere Menschen manchmal, sagen wir mal fremd oder seltsam, hat wirken lassen oder mir das Gefühl gegeben hat, nicht richtig dazuzugehören. Meine Feinfühligkeit ist nicht nur etwas, mit dem ich umgehen lernen musste, sie ist gleichzeitig eines meiner wichtigsten Werkzeuge. Sie lässt mich oft sehr genau hinschauen, Zwischentöne wahrnehmen und Dinge bemerken, die leicht untergehen, wenn man nur nach dem Offensichtlichen sucht.
Und auch wenn sie manchmal ganz schön anstrengend sein kann: Aufgeben würde ich sie nicht.
Verstehen: Mich interessiert das Warum
Wahrscheinlich war ich schon immer ein Mensch, der ziemlich viele Fragen stellt, sehr zum Leidwesen meiner Eltern und meiner Lehrer. Ein „Das ist eben so" hat mich noch nie zufriedengestellt, und daran hat sich bis heute nicht besonders viel geändert.
In meiner Arbeit mit chronisch erkrankten Tieren hat mir das ebenfalls schon den einen oder anderen fragenden Blick eingebracht. Natürlich kann ich versuchen, ein Symptom zu lindern, und manchmal ist genau das im ersten Schritt notwendig und wichtig. Wenn Beschwerden aber immer wieder auftreten, möchte ich jedoch wissen, warum.
Warum reicht mir das Symptom nicht?
Die Fragen, die mich bei einem Tier beschäftigen, klingen oft ganz einfach:
Warum bekommt dieser Hund immer wieder Durchfall?
Warum frisst er ständig Gras?
Warum hat dieses Pferd jeden Winter Kotwasser, obwohl schon so vieles ausprobiert wurde?
Warum ging es eine Zeit lang gut und dann plötzlich nicht mehr?
Mich interessiert dabei nicht nur, was ich für ein Tier tun kann, sondern auch, wie eine Erkrankung überhaupt entsteht. Und damit meine ich ausdrücklich auch die wissenschaftliche Seite: welche physiologischen Prozesse dahinterstecken, was wir über mögliche Ursachen wissen und an welcher Stelle wir bisher nur Vermutungen haben.
Genau dort beginnt für mich die eigentliche Arbeit. Ich schaue mir die Fütterung und die Verdauung an, möchte wissen, was bisher gegeben oder ausprobiert wurde, beziehe Laborbefunde, Lebensumstände und mögliche Stressfaktoren mit ein und frage danach, was sich verändert hat und wann es begonnen hat. Und natürlich schaue ich auch mit der ayurvedischen Brille auf das Tier, nicht weil Ayurveda für mich auf alles eine Antwort hätte, sondern weil er mir eine zusätzliche Möglichkeit gibt, Zusammenhänge zu verstehen.
Ich weiß noch, wie erleichtert ich war, als mir der Ayurveda plötzlich Antworten auf Fragen gab, die mich schon lange beschäftigt hatten. Vieles, was ich vorher eher als einzelne Beobachtung wahrgenommen hatte, bekam einen Zusammenhang. Warum reagiert das eine Tier auf etwas völlig anders als das andere? Warum bekommt eines unter Stress Durchfall, während ein anderes mit Hautproblemen reagiert? Warum tut etwas, das laut Lehrbuch eigentlich gesund sein müsste, diesem einen Tier trotzdem nicht gut?
Die Vorstellung, dass wir eben nicht alle gleich sind und Gesundheit deshalb auch nicht für jedes Lebewesen auf demselben Weg entsteht, war für mich unglaublich schlüssig.
Dabei ist Ayurveda für mich weder ein Gegenentwurf zur Wissenschaft noch eine Erklärung, die ich über alles andere lege. Ich möchte wissen, was sich aus heutiger wissenschaftlicher Sicht erklären lässt, wo ayurvedische Zusammenhänge eine interessante zusätzliche Perspektive eröffnen und wo ich beides nicht einfach miteinander vermischen darf.
Genau das liebe ich an meiner Arbeit, so wie ich sie heute lebe: Ich muss mein Wissen nicht mehr in getrennten Schubladen benutzen. Ayurveda, Ernährung, Mykotherapie und Naturheilkunde dürfen sich ergänzen, und manchmal führt mich eine Beobachtung aus dem einen Bereich zu einer Frage in einem ganz anderen. Gleichzeitig ist mir wichtig, dabei sauber zu unterscheiden: Was wissen wir? Was ist wahrscheinlich? Was ist eine mögliche Erklärung? Und was wissen wir eben noch nicht?
Denn auch die Wissenschaft hat auf viele Fragen bis heute keine Antwort, und zwar auf erstaunlich viele ☺️.
Warum ich selten sofort eine Antwort habe
Deshalb finde ich es auch nicht schlimm, auf eine Frage zunächst keine Antwort zu haben. Man hat mir zwar schon nachgesagt, ich sei ein wandelndes Lexikon, das offensichtlich auf alles eine Antwort hat, und manchmal wünschte ich, es wäre tatsächlich so. 😉 Viel schwieriger fände ich es allerdings, irgendeine Antwort zu geben, nur damit eine da ist.
Das alles hat nämlich auch eine Kehrseite. Fragen wie „Kannst du mir mal eben einen Tipp geben?" oder „Was würdest du jetzt machen?" haben mich früher ziemlich gestresst, weil in meinem Kopf selten nur eine mögliche Antwort auftaucht. Stattdessen öffnen sich gleich mehrere “Tabs” in meinem Kopf: Was wissen wir schon? Was fehlt mir noch? Was könnte dahinterstecken? Was spricht dafür und was dagegen?
Wenn ich unter so einem Druck sofort etwas Schlaues sagen sollte, überschlugen sich die Gedanken, und ausgerechnet in diesem Moment bekam ich keinen davon richtig zu fassen 😉.
Ich muss über viele Dinge erst einmal nachdenken. Und wenn es notwendig ist, schaue ich nach, ob meine erste Idee wirklich passt, lese etwas nach oder recherchiere ausführlicher, bevor ich eine Empfehlung ausspreche. Inzwischen habe ich aufgehört, mich dafür zu rechtfertigen, denn es bedeutet nicht, dass ich keine Entscheidung treffen kann. Es bedeutet, dass ich eine Entscheidung treffen möchte, die ich fachlich begründen und anschließend auch vertreten kann.
Es gab tatsächlich eine Zeit, in der ich darüber nachgedacht habe, Medizin oder Tiermedizin zu studieren, und heute bin ich ziemlich froh, dass ich es nicht getan habe. In diesen Berufen gibt es Situationen, in denen innerhalb kürzester Zeit entschieden werden muss, obwohl vielleicht noch gar nicht alle Informationen vorliegen. Ich habe großen Respekt vor Menschen, die das können.
Meine Art zu arbeiten ist jedoch eine andere: Wenn ich die Möglichkeit habe, möchte ich Zusammenhänge durchdenken, bevor ich entscheide.
Warum Nichtwissen Vertrauen schafft
Und wenn ich etwas nicht weiß, sage ich das auch. Für mich ist es kein Makel, die Grenzen des eigenen Wissens zu benennen, sondern eine Voraussetzung dafür, dass jemand mir überhaupt vertrauen kann.
Wie viel das ausmacht, habe ich selbst einmal erlebt. Ich erinnere mich noch gut an meinen ehemaligen Oberarzt von der Kinderstation auf der ich damals arbeitete, der später auch der Kinderarzt meiner Tochter wurde. Bei einer Untersuchung hatte er bei ihr ein Herzgeräusch gehört und konnte nicht sicher einschätzen, was es zu bedeuten hatte. Er sagte mir das ganz offen und überwies uns zum Kinderkardiologen, der zum Glück Entwarnung geben konnte. Dieser Moment hat mich nachhaltig beeindruckt, denn natürlich hatte ich auch ihm bis dahin irgendwie zugetraut, einfach alles zu wissen. 😉
Dass er mir sagte, er könne etwas nicht sicher beurteilen, hat mein Vertrauen in ihn nicht kleiner gemacht, sondern größer. Er musste mir nichts vorspielen, um für mich ein guter Arzt zu sein. Gerade weil er die Grenze seines Wissens kannte und entsprechend gehandelt hat, fühlte ich mich bei ihm gut aufgehoben.
Vielleicht ist auch das ein Teil dessen, was Verstehen für mich bedeutet: zu wissen, dass Wissen Grenzen hat.
Und deshalb gehört zum Verstehen für mich zwangsläufig auch das Weiterlernen, und zwar nicht nur in Fortbildungen und über die zahlreichen Bücher in meinem Regal, sondern ebenso von den Tieren und den Menschen, die mit ihnen zu mir kommen. Jeder neue Fall kann etwas infrage stellen, was ich bisher für selbstverständlich gehalten habe, oder mich auf einen Zusammenhang aufmerksam machen, mit dem ich mich noch nie beschäftigt habe. Vielleicht erklärt das, warum auf meinem Schreibtisch eigentlich immer irgendein Fachbuch liegt und ich schon wieder in einer Fortbildung stecke.
Mit jeder Antwort taucht schließlich zuverlässig die nächste Frage auf 😉.
Selbstbestimmung: Warum ich noch einmal neu angefangen habe
Von meinen drei Werten hat die Selbstbestimmung wahrscheinlich am unmittelbarsten beeinflusst, wie mein berufliches Leben heute aussieht. Denn irgendwann war sie so wichtig geworden, dass ich bereit war, noch einmal ganz neu anzufangen.
Warum ich aus meinem ersten Beruf ausgestiegen bin
Bevor ich mich entschied, Tierheilpraktikerin zu werden, arbeitete ich als Kinderkrankenschwester, unter anderem im Kinderintensivpflegedienst. Ich habe diesen Beruf geliebt. Mein Alltag sah damals allerdings vollkommen anders aus als heute, und irgendwann merkte ich immer deutlicher, dass mir darin etwas Entscheidendes fehlte.
Ich wollte mich weiterentwickeln, Dinge hinterfragen dürfen und individuelle Entscheidungen treffen können. Vor allem aber wollte ich nicht dauerhaft in Strukturen arbeiten, in denen mir vorgegeben wird, wie etwas zu geschehen hat, obwohl ich fachlich oder persönlich nicht dahinterstehen kann. Eine fachliche Diskussion auf Augenhöhe war damals leider oft nicht möglich, weil die Einschätzung der Pflegenden nicht immer wertgeschätzt und gehört wurde.
Damit komme ich bis heute schlecht zurecht. Wenn ich etwas tun soll, das für mich keinen Sinn ergibt und das ich nicht einmal hinterfragen darf, gehe ich regelrecht daran kaputt.
Dazu kommt etwas, das ich inzwischen mit Hilfe des Ayurveda ganz gut einordnen kann, damals aber noch nicht wusste: Als Vata-Pitta-Typ habe ich ständig Ideen, wie sich etwas verbessern oder einfach einmal anders machen ließe, und mein Pitta möchte diese Ideen dann natürlich möglichst auch umsetzen. Im Klinikalltag und später im ambulanten Pflegedienst war für diese Seite von mir allerdings wenig Platz.
Und so hat folgende Situation schließlich den Ausschlag gegeben, etwas zu verändern: Ich hatte die Aromatherapie und Aromapflege ursprünglich für meine Arbeit im Pflegedienst gelernt, weil ich sie dort gerne einsetzen wollte. Schließlich verbringt man so viel Zeit beim Kind, dass sich weit mehr tun lässt als Dienst nach Vorschrift. Ich habe kleine Füßchen massiert, wenn ein Kind unruhig war, und die strapazierte Haut gepflegt, wenn sie stundenlang in Orthesen steckte und es draußen dafür eigentlich viel zu warm war. Dann wechselte die Pflegedienstleitung, und mir wurde gesagt, das sei alles Humbug, daran müsse man eher glauben, als dass es wirke.
Das habe ich bis heute nicht verstanden.
Ätherische Öle sind Naturstoffe, deren Bestandteile sich benennen und untersuchen lassen. An einen Inhaltsstoff muss ich nicht glauben. Trotzdem wurde die Aromatherapie vermutlich mit der Homöopathie in einen Topf geworfen, und damit war das Thema für die neue Leitung erledigt.
Entscheidend war für mich dabei vermutlich nicht einmal, dass meine Idee abgelehnt wurde. Viel schwieriger war, dass ich keine Möglichkeit mehr sah, mich fachlich damit auseinanderzusetzen und etwas weiterzuentwickeln, das für mich sinnvoll war. Ich hatte das Gefühl, Weiterentwicklung sei hier nicht wirklich erwünscht.
Dazu kam etwas ganz Praktisches: Während meiner Zehn-Stunden-Dienste fühlte ich mich immer häufiger wie eingesperrt. Irgendwann merkte ich, dass ich so nicht dauerhaft arbeiten wollte, und der Wunsch nach einem anderen Weg wurde groß genug, um noch einmal von vorne anzufangen. Also drückte ich erneut die Schulbank, und bis heute habe ich Freude daran, mich weiterzubilden und zu lernen.
Dabei brauche ich gar nicht die Freiheit, einfach machen zu können, was ich will. Ich brauche die Freiheit, eine Entscheidung zu verstehen und abzuwägen, um am Ende auch dahinterstehen zu können.
Das ist für mich Selbstbestimmung.
Was Selbstbestimmung für meine Arbeit bedeutet
Heute habe ich mir mit meiner Praxis genau diesen Raum geschaffen. Das bedeutet nicht, dass ich Regeln grundsätzlich ablehne oder glaube, es besser zu wissen, und es bedeutet erst recht nicht, dass Naturheilkunde für mich automatisch richtig und Schulmedizin automatisch falsch wäre. So einfach ist Gesundheit eben nicht, und solche starren Gegenüberstellungen entsprechen überhaupt nicht meiner Art zu denken. In meinem Kopf können beide wunderbar nebeneinander existieren, ganz ohne Konkurrenzgedanken.
Selbstbestimmung bedeutet für mich vielmehr, unterschiedliche Möglichkeiten betrachten zu können, nachzufragen, Wissen zu nutzen, Grenzen zu erkennen und dann eine Entscheidung zu treffen, die ich fachlich vertreten kann.
Das gilt übrigens auch für die Methoden, mit denen ich selbst arbeite. Ich möchte eine Methode nicht anwenden, weil sie zu meinem beruflichen Etikett passt, sondern weil ich nach allem, was ich über das Tier weiß, einen guten Grund dafür sehe.
Was ich allerdings unterschätzt habe: In der Selbstständigkeit gibt mir niemand mehr eine Struktur vor. Niemand sagt, so, jetzt ist Feierabend. Wenn ich wollte, könnte ich endlos arbeiten, denn zu tun gibt es immer etwas. Ich musste mühsam lernen, mir diese Struktur selbst zu geben, und bin dabei nicht nur einmal auf die Nase gefallen.
Gerade mit meiner Pitta-Natur, die abends um zehn noch schnell eine E-Mail beantworten möchte und selbstverständlich auch am Sonntag eine Lösung für irgendein Problem finden könnte, ist mir das lange schwergefallen. Ich hatte zwar die äußere Freiheit gewonnen, selbst über meine Zeit zu bestimmen, aber das bedeutete noch lange nicht, dass ich diese Freiheit auch für mich selbst genutzt habe.
Vielleicht musste ich deshalb erst lernen, dass Selbstbestimmung nicht nur bedeutet, dass mir niemand anderes vorschreibt, was ich zu tun habe. Sie bedeutet auch, dass ich mir selbst eine Wahl lasse.
Wenn ich heute am Sonntag eine E-Mail beantworte, weil ich das gerade möchte und es für mich in Ordnung ist, dann darf ich das tun. Ich möchte es aber nicht mehr tun, weil in mir sofort die Sorge auftaucht, ich könnte sonst nicht engagiert, hilfsbereit oder gut genug sein. Das ist ein Unterschied, den ich lange nicht gesehen habe, und er hatte viel mit Glaubenssätzen zu tun, die ich jahrelang mit mir herumgetragen habe.
Warum ich auch dir diese Freiheit lassen möchte
Vielleicht ist mir deshalb in der Zusammenarbeit mit Tierhaltern so wichtig, dass Selbstbestimmung nicht an meiner Praxistür aufhört.
Ich möchte nicht, dass jemand eine Empfehlung einfach umsetzt, nur weil ich sie ausgesprochen habe. Mir ist lieber, du verstehst, warum ich etwas empfehle, welche Überlegungen dahinterstehen und welches Ziel wir damit verfolgen. Deshalb bekommst du zu meinen Empfehlungen immer auch eine ausführliche Erklärung. Es gibt allerdings tatsächlich Menschen, die das gar nicht möchten, und auch das ist völlig in Ordnung. „Sag mir einfach, was ich tun soll, dann mache ich das", hat einmal jemand zu mir gesagt. 😉
Fragen sind erlaubt, Zweifel ebenso. Wenn etwas für dich nicht nachvollziehbar ist, möchte ich, dass du nachfragst. Und wenn eine Empfehlung im Alltag nicht funktioniert oder sich aus bestimmten Gründen nicht umsetzen lässt, dann sprechen wir darüber und finden gegebenenfalls einen anderen Weg.
Denn ich kann mein Wissen und meine Erfahrung einbringen, Zusammenhänge erklären und Empfehlungen aussprechen. Die Entscheidung nehme ich dir damit aber nicht ab.
Ich begleite dein Tier für eine bestimmte Zeit. Du lebst jeden Tag mit ihm.
Und deshalb möchte ich nicht über dich und dein Tier bestimmen, sondern dir das Wissen an die Hand geben, das du brauchst, um Entscheidungen mittragen und selbst treffen zu können.
Und wo bleibt die Individualität?
Während ich über meine drei wichtigsten Werte nachgedacht habe, tauchte immer wieder ein vierter auf: Individualität.
Eigentlich ist das nicht besonders überraschend, denn meine Arbeit steht schon lange unter dem Motto individuell. anders. gesund. Trotzdem habe ich mich gefragt, warum Individualität dann nicht zu meinen drei wichtigsten Werten gehört.
Vielleicht, weil sie für mich das Ergebnis der anderen drei ist.
Wenn ich feinfühlig wahrnehme, verstehen möchte, was hinter Beschwerden und Veränderungen steckt, und mir gleichzeitig die Freiheit nehme, nicht nach einem vorgegebenen Schema arbeiten zu müssen, dann entsteht daraus fast zwangsläufig ein individueller Weg.
Ein Hund mit einer chronischen Darmerkrankung ist für mich eben nicht „der nächste Darmfall". Ein Pitta-Hund ist nicht einfach nur ein Pitta-Hund, bei dem ich eine Liste mit passenden Empfehlungen abarbeite. Und zwei Pferde mit Kotwasser müssen nicht aus demselben Grund Kotwasser haben, nur weil das sichtbare Symptom zunächst gleich aussieht.
Vor mir steht immer dieses eine Tier mit seiner Konstitution, seiner Geschichte, seinen Beschwerden, seinen Lebensumständen und seinem Menschen. All das gehört für mich zusammen und darf Einfluss darauf haben, welchen Weg wir wählen.
Vielleicht ist das am Ende auch der Grund, warum mir gerade diese drei Werte so wichtig sind:
Feinfühligkeit lässt mich wahrnehmen und fühlen.
Verstehen bringt mich dazu, nach dem Warum und den Zusammenhängen zu fragen.
Selbstbestimmung gibt mir die Freiheit, daraus einen Weg abzuleiten, hinter dem ich auch wirklich stehen kann.
Und so entsteht etwas, das meine Arbeit eigentlich schon lange beschreibt, lange bevor ich überhaupt angefangen habe, über meine wichtigsten Werte nachzudenken:
individuell. anders. gesund.
Und wenn du dich darin wiederfindest
Vielleicht hast du beim Lesen gemerkt, dass dir diese Art zu denken und zu arbeiten entspricht. Vielleicht ist dir für dein Tier ebenfalls wichtig, dass nicht nur auf einzelne Symptome geschaut wird, sondern auf die Zusammenhänge und auf das Tier, das dahintersteht.
Wenn du den Ayurveda zunächst einmal kennenlernen möchtest, kannst du mit meinem kostenlosen Dosha-Check herausfinden, welche Konstitution dein Tier mitbringt und was Vata, Pitta und Kapha überhaupt mit seinen individuellen Eigenschaften zu tun haben.
Wenn dein Tier bereits Beschwerden zeigt oder du seine Konstitution und seine aktuelle Situation ausführlicher betrachten lassen möchtest, ist meine ayurvedische Konstitutions- und Gesundheitsanalyse der passende Einstieg. Dabei schauen wir uns nicht nur an, welcher Konstitutionstyp dein Tier ist, sondern auch seine Vorgeschichte, mögliche Dysbalancen und die Frage, welche nächsten Schritte für genau dieses Tier sinnvoll sein können.
🌿 Mehr über die ayurvedische Konstitutions- und Gesundheitsanalyse
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